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Sektion Soziale Psychiatrie

Zu den Symptomen psychischer Erkrankungen tragen sowohl Umgebungsfaktoren als auch individuelle Dispositionen bei. Die Ursachen der individuellen Dispositionen werden physiologisch und psychologisch erforscht. Diese Forschung bildet das Gros der psychiatrischen Grundlagenforschung. Was den Beitrag von Umgebungsfaktoren zu Symptomatik und Therapie betrifft, ist eine gewisse Hilflosigkeit zu verzeichnen: Für dessen Erforschung kommen insbesondere auch qualitative Methoden in Frage, die jedoch weit weniger systematisch ausgearbeitet sind als quantitative Methoden. Die Sektion Sozialpsychiatrie in der DGS versucht, Methoden der Erforschung psychiatrisch relevanter Umweltfaktoren mit Hilfe der Semiotik zu entwickeln.


Einen Anfang hat sie u. a. mit Vorschlägen dazu gemacht, wie Atmosphäre als ein Zeichencharakter von Umgebungen, z. B. Milieus, verstanden werden kann. Atmosphäre ist ein Umgebungsfaktor, der in der Soteria - einem sozialpsychiatrisch und milieutherapeutisch orientierten Ansatz in der Behandlung von Psychosen - dafür ursachlich verantwortlich gemacht wird, dass Medikationen reduziert werden können (vgl. Literatur von Luc Ciompi und Loren Mosher u. a. und zur Soteria beispielsweise in San Jose, Bern und Zwiefalten). Die Erforschung von Atmosphäre kann daher von großer therapeutischer Relevanz sein. Wenn Zeichenkonzeptionen helfen, psychiatrische Begriffe zu explizieren, erleichtert dies den Entwurf von Experimentaldesigns.


Außer bei der Explikation psychiatrischer Begriffe erhofft sich die Sektion von der Semiotik Anregungen zur Entwicklung standardisierter Beschreibungen von Interaktionen, z. B. von Arzt-Patient-Interaktionen. Sprechakttheoretisch orientierte Zeichenkonzeptionen ermöglichen es, verschiedene Typen von Zeichenprozessen des Alltags - z. B. mit oder ohne Beteiligung eines Senders, kommunikativ oder nicht kommunikativ, direktiv oder assertiv - zu unterscheiden. Die Anwendung derartiger Konzeptionen erlaubt es, Alltagssituationen zu klassifizieren und Interaktionssituationen auf bestimmte Merkmale hin zu untersuchen. Letztlich kann auch dies wiederum dem Ziel zugute kommen, Atmosphäre schaffende Eigenschaften von Umgebungen - zu denen Interaktionssituationen gehören - zu ermitteln.

Mit den Autoren und Autorinnen von Beiträgen zu einem Sammelband „Atmosphären im Alltag“, herausgegeben von Stephan Debus und Roland Posner, stellte die Sektion ihre Arbeit zum Thema Atmosphäre auf dem DGS-Kongress zum Thema „Das Konkrete als Zeichen“ 2008 in Stuttgart vor. Die Beiträge kamen aus verschiedenen Disziplinen, z. B. Psychologie, Psychiatrie, Krankenpflege, Philosophie, Kunstgeschichte, Architektur. Diese interdisziplinäre Arbeit soll auf dem DGS-Kongress 2011 fortgesetzt werden - diesmal vielleicht mit einem Schwerpunkt bei der Beschreibung von Interaktionen im Alltag oder in der Therapie.

ausführlicher Artikel zu: Unser Reden über Atmosphären (Vorwort und Inhalts-Übersicht aus Debus & Posner 2007)
Unser Reden über Atmosphären (Vorwort und Inhalts-Übersicht aus Debus & Posner 2007)
Wenn wir versuchen, den Atmosphärenbegriff zu entmetaphorisieren, um den wörtlichen Sinn zu bestimmen, können wir die Bedeutungsvielfalt des Begriffs analysieren und zu zeigen versuchen, welche Bedeutung des Wortes „Atmosphäre" in welchem Kontext gebraucht wird, d. h. in welchem Kontext wir uns auf welche Arten von Gegenständen beziehen. ... mehr
Bericht über die Sektion Sozialpsychiatrie beim DGS-Kongress 2008
Die Sektion begann ihre Arbeit mit einem Eröffnungsvortrag von Stephan Debus. Dieser ... mehr