Semiotisches Symposium Frühjahr 2008
vom 4. bis. 6. April 2008
an der Hochschule Mannheim
zum Thema:
WIRKLICHKEIT ALS DESIGN-PROBLEM.
ZUM VERHÄLTNIS VON ÄSTHETIK, ÖKONOMIK UND ETHIK.
In der (philosophischen) Tradition wird zwischen Ethik und Ästhetik zumeist eine unüberwindliche Kluft gesehen. Und auch Ästhetik und Ökonomik lassen sich (dort) schwer zusammen denken, da das Diktat des „Interesselosen” in der Ästhetik dies zu verbieten scheint. Zudem erschweren es empirisch-psychologische Sichtweisen, den Menschen weiter auf einen Homo oeconomicus zu beschränken. Dies hat wiederum Auswirkungen auf eine ökonomische wie auch die ethische Perspektive.
Nun scheint es so, als würden in der Praxis der „Lebenswelt” ästhetische, ökonomische und ethische Aspekte weit weniger disparat gehandhabt als es die Theorie nahelegt. Ist also die Praxis defizitär? Oder die Theorie(n)? An welchen Zeichen könnten wir dies erkennen? Wie sieht eine zu gestaltende Wirklichkeit aus, die allen drei Anforderungen nachhaltig gerecht werden möchte. Und warum wünschen wir uns eine solche (nicht)?
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Tagungs-Bericht:
Vom 4. bis 6. April 2008 fand an der Hochschule Mannheim das Interdisziplinäre Symposium Wirklichkeit als Design-Problem - zum Verhältnis von Ästhetik, Ökonomik und Ethik statt. Die Veranstaltung war das Frühjahrs-Symposium der Internationalen Semiotischen Herbst-Akademie und wurde organisiert von Klaus Schwarzfischer (Indukt, Regensburg) und Thomas Friedrich (Institut für Designwissenschaft an der Hochschule Mannheim). Thematisiert werden sollte die Konstruktion von Wirklichkeit als semiotische Praxis einer Designtheorie, die von einem weit gefassten Designbegriff ausgeht: Jeder gestaltende Eingriff in die Lebenswelt oder deren Interpretations-Weisen muss hier als Design-Problem aufgefasst werden - unabhängig davon, ob der Agent in traditionellen Begriffen als Ökonom, Pädagoge, Politiker, Designer etc. bezeichnet wird. Fragen der Ressourcen (Ökonomie), der Üblichkeiten (Moral) und der Wahrnehmung (Ästhetik hier im Sinne von Aisthesis) sind dabei stets berührt. Grundsätzlich muss in der Designtheorie zwischen einem eng- und einem weit gefassten Designbegriff in folgendem Sinne unterschieden werden: Beim eng gefassten werden die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mitthematisiert, sondern affirmativ vorausgesetzt. Dieser Designbegriff ist somit kein philosophischer, da er kein Problem mit der Wirklichkeit hat, sondern sie lediglich bedienen will. Bei diesem eng gefassten Designbegriff sind Fragen nach Ästhetik, Ökonomik und Ethik nur in Hinblick auf designpraktische Lösungen gestellt.
Gerhard Schweppenhäuser (Würzburg) führte mit „Das Problem der Wirklichkeit. Gedanken über Realität und Realismus - von Kant bis Luhmann" die Differenzierungen ein, welche Wirklichkeit überhaupt das Ziel von Gestaltung sein könne oder solle. Ausgehend vom Gegensatz des Realismus und des Idealismus bzw. Konstruktivismus wurde der Fokus erweitert, um Medien-Wirklichkeiten und auch virtuelle Welten wie Second Life in den Blick zu bekommen. Die medienphilosophische These vom Verschwinden der Realität, welche vom Hyperrealismus der Simulation ersetzt worden sei, wurde ideologie-kritisch analysiert. Abschließend wurde die Frage der Referenz von Realität in den Massenmedien durch die Systemtheorie nach Luhmann dargelegt - und wie wenig diese beispielsweise in der praktischen Politik zur Kenntnis genommen wird, wo oftmals noch einer Abbildtheorie gehuldigt wird.
Rodrigo Duarte (Belo Horizonte, Brasilien) rekonstruierte in „Das Design und der Schematismus der Produktion" zuerst die historische Genese des Konzeptes Design mit seinen philosophischen und theologischen Aspekten, insbesondere bei Berkeley und Shaftesbury. Zentrales Konzept in diesem Beitrag war dann der Schematismus nach Kant, welcher das Verhältnis von Wahrnehmung und Begriffen beschreibt, sowie später von Horkheimer und Adorno aufgegriffen wurde: Es handelt sich um die Idee, dass die Kulturindustrie die angeborene Schematismusfähig ihrer Konsumenten enteignet, damit sie die Wirklichkeit genauso wahrnehmen, wie es den Interessen des ökonomischen Systems profitabel erscheint.
Thomas Friedrich (Mannheim) interpretierte in „Wirklichkeit und Katastrophe - der sekundäre Katastrophengewinn" das Erdbeben im Lissabon von 1755 aus sozialpsychologischer Perspektive. So war trotz des Elends, ähnlich wie auch bei den Zerstörungen durch Kriege, danach ein Mangel an allem zu verzeichnen. Die anschließenden wirtschaftlichen Wachstumsphasen gründeten also auf der vorhergehenden Vernichtung von Menschen und Sachen. Dieses Paradigma begleitet uns bis in die heutigen Tage, wo die Abwesenheit von Wachstum beklagt wird, obwohl dies weit positiver als Zeichen fehlender Vernichtung gelesen werden könnte. Naturkatastrophen seien nach wie vor die entlastende Variante der Mangelproduktion, da nichts auf eine mögliche Mitschuld hindeute.
Klaus Schwarzfischer (Regensburg) fragte nach „Gestalt-Integration als Super-Code von Ästhetik, Ökonomik und Ethik?" Der theoriebildende Beitrag entwickelte eine quantifizierbare empirische Ästhetik, welche die Probleme der Informationsästhetik nach Max Bense und nach Herbert W. Franke vermeidet. Hierzu wurde der Analyse-Gegenstand um die semantischen und pragmatischen Dimensionen, was auch die Dezentrierung nach Jean Piaget integriert. Die ästhetische Erfahrung wird als rein prozessual und relational verstanden und als das Erleben von Gestalt-Integrationen auf diversen Verarbeitungsstufen beschrieben. Ästhetische Objekte wie Kunstwerke werden obsolet, da nur Prozesse von Um-Codierungen subjektv erlebt werden. Diese evolutionäre Perspektive basiert auf ressourcen-sensitiven Beobachtungen zweiter Ordnung. So besitzt der Ansatz inhärent eine ökonomische und allokations-ethische Relevanz. Die Möglichkeiten wie auch die Grenzen der praktischen Anwendbarkeit wurden aufgezeigt.
Hans H. Diebner (Frankfurt/Main) warf mit „Ästhetik und Ethik als Optimalitäts-Probleme in der systemtheoretischen Ressourcen-Ökonomie" einen kritischen Blick auf das von der Kybernetik ausgehende Wirklichkeitsdesign und lieferte Evidenz dafür, dass die Kybernetisierung der Gesellschaft und die damit einhergehende hochgradige Selbstreferenzialität Ursache zunehmender Verschwörungstheorien sein könnte. Diese scheint auch und vor allem Design und Kunst in eine paradoxe Situation zu zwingen, die zwischen Macht und Ohnmacht angesiedelt ist. Kybernetisierung sei das Resultat einer gut gemeinten Optimierung sozialer Dynamiken mit technischen Hilfsmitteln, sei aber weniger ein ethisches Problem, sondern vielmehr als ein Problem der Seinsverfehlung (Verdinglichung) zu sehen.
Helmut Orpel (Mannheim) stellt in „Künstlerische Idee und Formgebung in der frühsowjetischen Zeit (1920-1923)" dar, wie die Gestaltung von Artefakten mit der Utopie einer gesellschaftlichen Gestaltung verwoben ist. Dies wurde anhand von unterschiedlichen Genres anschaulich gemacht. Die Radikalität des Veränderungs- und damit Gestaltungswillens zeigte sich in Malewitschs Kunsttheorie ebenso wie in Tatlins Architekturstudien. Ausführlich wurde gezeigt, wie sich der Künstler im Spannungsfeld zwischen Freiheit und politischer Zwecksetzung verhalten konnte - und wie beides kommunikative Haltungen wiederspiegelt.
Axel Kolaschnik (Mannheim) thematisierte im Beitrag „Vortäuschung von Ethik unter den ökonomischen Zwängen des Marketing", ob es eine Ethik unter wirtschaftlichen Bedingungen überhaupt gebe. Ausgehend von aktuellen Beispielen der Gier-ist-geil-Haltung von Managern führte er zur Frage, ob die Diskussion um Corporate Social Responibility nur ein kosmetisches Pflaster ist, oder ob mehr dahinter steckt. Denn auch die Konsumenten verwenden die sozialverträglichen und nachhaltigen Produkte teilweise nur zum eigenen Status-Design. Schließlich wurden die Motivationen herausgestellt, welche bei menschlichen Individuen anders geartete Antriebe bezeichnen als bei anonymen Kapitalkonzentrationen, die wir als Unternehmen agieren sehen: Die psychopathologischen Strukturen eines kranken Systems, welche selbiges gleichzeitig stabilisieren und gefährden.
Stefan Dobiasch (Regensburg) grenzte in „Führungsethik und Kommunikationskultur" erst einmal die Sphären von Wirtschaft, Unternehmen und Führung ab, wobei er von aktuellen Manager-Moral-Diskursen in den Medien ausging. Die jeweiligen Führungs-Prinzipien wies er als historisch bedingte Mythen der Führung aus. Verschiedene Typen von Kommunikations-Kulturen bildeten die Basis, vor der die Voraussetzungen einer Implementierung von dialogischen Strukturen analysiert wurden. Er systematisierte die resultierenden Gesprächsarten und stellte abschließend die möglichen Widerstände bei der Implementierung in der Praxis dar.
Dirk Röller (Oldenburg), der langjährige Leiter der Semiotischen Herbst-Akademie, konnte seinen Beitrag „Ethik ökonomisch unterrichten? Religiöse Erfahrung und didaktisches Design" leider nicht mehr halten, da er wenige Tage vor dem Symposium verstarb. Zu seinem Gedenken wurde die Lücke im Tagungsablauf nicht geschlossen, sondern dieser Verlust durch eine Zäsur sichtbar gemacht. Ihm wurde deshalb auch der Tagungsband gewidmet.
Theo Steiner (Karlsruhe) zeigte in „Aroma mit Aura - die Hohe Küche des Ferran Adrià als Kult", dass Essen keine Ansammlung von Dingen ist, sondern ein Kommunikationssystem, wie schon Roland Barthes nachwies. Neu ist aber, dass ein Küchenchef auf molekularer Ebene dieses System gestaltet und dass er zur Documenta eingeladen wird, die weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Der wissenschaftliche Anspruch und der Kultstatus des Kochs verändern das Kommunikationssystem erheblich, indem ein Mythos zur Utopie verwandelt wird. Diese Kunst ist trotz des Zeitalters seiner Reproduzierbarkeit nicht einfach transportabel wie etwa eine Film-Kopie. Die Rezeption ist daher durch verknapptes Angebot eine stabile Triebfeder dieses Starkultes.
Susanne Hauser (Berlin) befasste sich in „Urbane Ästhetik der Agglomeration" mit dem lange ignorierten Phänomen der Zwischenstadt, wobei die alten Diskursmuster von Peripherie und Zentrum nicht mehr funktionieren. Trotz Dominanz von Industrie und Logistik in diesen Stadtrand-Zonen fehlt identitätsstiftendes Potenzial meist völlig und die Kommunikation erscheint minimiert. Zu fordern und zu fördern seien daher die subjektive Wahrnehmungslust, indem ästhetische und symbolische Überschüsse ermöglicht werden. Unvorhersagbare Aneignungen müssten nicht nur toleriert werden, sondern sogar in Entwurfs- und Planungsprozesse integriert werden. So würden auch identitätsrelevante Kommunikationsprozesse ermöglicht.
Yvonne Thorhauer (Frankfurt/Main) betonte in „Design des Raums - ein moralphilosophisches Problem" den Aspekt, dass sich im Raum auch Machtverhältnisse artikulieren. Diese wirken auf die Akteure im sozialen Raum zurück, weil der Raum nach Sartre ein Engagement fördern oder verhindern kann, indem z.B. die Fußläufigkeit als menschliches Maß nicht akzeptiert wird. Eine geeignete Detail-Auflösung für die Analyse und die Gestaltung von Raum ist wichtig wie auch die optimale Feldgröße als Handlungsraum. Durch die Virtualisierung von Kommunikation im Internet wird aus Face-to-Face immer öfter ein Face-to-Interface, was nach Levinas ethische Probleme in sich birgt. Denn jedes zusätzliche Interface bringe auch Gewissensbisse auf Distanz. Am Beispiel der Künstlersiedlung Mariposa auf Teneriffa wurde aufgezeigt, dass man Orte anders liest als Beschreibungen von Orten.
Thomas Friedrich (Mannheim) spitzte in „Die Lüge als Design-Problem - die Transformation des Designs durch sachferne Kriterien" die Wirklichkeit von Designern auf die These hin, dass sich Designer die Welt so zurichten müssen, dass sie laufend nachgefragt werden. Probleme dürfen demnach nicht gelöst und Bedürfnisse nicht wirklich befriedigt werden, vielmehr müssen sie virulent bleiben, um die Suchtstruktur zu erzeugen, von der das Wirtschaftssystem und auch der Designer lebt. Nur wer im Unglück lebt, ist empfänglich für Glücksversprechen. Ziel der Kulturindustrie ist daher nicht das Glück der Menschen, sondern ein permanentes Glücksversprechen, das durch immer neue Produkte zu Geld gemacht wird. Produktwerbung wie auch Bewerbungen für Arbeitsplätze werden so zu Euphemismen, Hochstapelei und kommunikativer Kriegsführung, was die Designausbildung zu lehren hätte. Diese Heuchelei als semiotisches Phänomen zu analysieren war das Ziel des Ansatzes, der mit unterhaltsamer Ironie nicht sparte.
Inzwischen ist der Tagungsband mit den Beiträgen im Ergon Verlag (Würzburg) erschienen unter dem Titel „ Wirklichkeit als Design-Problem. Zum Verhältnis von Ästhetik, Ökonomik und Ethik". Herausgegeben wurde er von den DGS-Beiräten Thomas Friedrich und Klaus Schwarzfischer.
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VERANSTALTER:
Die Reihe »Zeichen der Zeit« wird veranstaltet vom Förderkreis der Internationalen Semiotischen Herbst-Akademie e.V. /// 2008 in Kooperation mit der Hochschule Mannheim und der Sektion Design in der Deutschen Gesellschaft für Semiotik (DGS).
DIE TRADITION DER REIHE:
Bereits seit 1991 führt die Internationale Semiotische Herbst-Akademie in der Reihe „Zeichen der Zeit” ihre Veranstaltungen zu relevanten Themen durch. Sie kooperiert dabei mit verschiedenen Institutionen aus Wissenschaft und Praxis.
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DANK AN FÖRDERER & SPONSOREN
Hochschule Mannheim
Deutsche Gesellschaft für Ästhetik
Indukt :: Institut für System-Kommunikation und Design
Heinrich-Vetter-Stiftung
Karl-Völker-Stiftung