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Grundkonzept der Herbstakademie (Dirk Röller, 1991)
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Einleitung
Auf Grund einer vom Beirat "Erziehung" der "Deutschen Gesellschaft für Semiotik" (DGS) 1983 in Lüneburg veranstalteten Tagung "Zeichenprozesse in der Erziehung" ergab sich in en Folgejahren im norddeutschen Raum eine intensive Zusammenarbeit zwischen den DGS- Beiräten "Anthropologie", "Design", "Erziehung" sowie DGS-Vorstandmitgliedern. Im Gefolge dieser Aktivitäten wurde die Absicht nach einer "Summer-School" geäußert, die sich in Vorbereitungsgesprächen weiter konkretisierten und auch im DGS-Vorstand bei einer Sitzung in Berlin erörtert wurden. In nachstehendem Paper wurde der Diskussionsertrag zusammengefasst:
Dirk Röllers Überlegungen zu einem Grundkonzept der Herbst-Akademie
1. Noch eine Bildungseinrichtung?
Die Bundesrepublik und die internationale Szene leiden nicht am Mangel von Bildungseinrichtungen und Institutionen. Wer den Veranstaltungskalender der "Zeitschrift für Semiotik" aufschlägt, findet zahlreiche Tagungen unterschiedlicher Träger, die semiotisch relevant sind. Gebietskörperschaften, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und Kirchen geizen nicht mit Fortbildungsangeboten. Entspricht eine neue Akademie, die "Herbstakademie" der Deutschen Gesellschaft für Semiotik, einem Bedürfnis und bezieht sie sich auf eine Marktnische, die es erforderlich macht und nicht nur rechtfertigt, personellen, organisatorischen und finanziellen Aufwand zu treiben, den man anders nicht und nicht ökonomischer mit bestehenden Bildungseinrichtungen befriedigen kann?
2. Von immer mehr immer weniger Wissen
Daß die Flut des Wissens nicht mehr bewältigt werden kann, ist bekannt und wird weithin bedauert. Im jeweiligen Fachgebiet eines einzelnen Fachmannes ist die Datenflut nicht mehr annähernd, auch nicht durch Datenbanken zu bewältigen. Man versucht ständig, auf einen fahrenden Zug zu springen und verfehlt das Trittbrett. Der resignative Verzicht auf umfangreiches Wissen setzt Vertrauen auf die Verläßlichkeit von Informationen durch Mitarbeiter und Kollegen in Detailbereichen voraus. Man denke beispielsweise an die Entwicklung im Bereich der Medizin: wenn früher ein "praktischer Arzt" Übel behandelte und man ihm vertrauen konnte, daß er den Patienten im Ernstfall zum Facharzt schickte, kann der heutige Arzt für Allgemeinmedizin nur eine Kette von Durchlaufkollegen anvisieren, an die der Patient verwiesen wird. Selbstverständlich steht neben dem operierenden Chirurgen der Anästhesist, wo früher die Schwester die Spritze reichte, etc. Der Patient spürt, daß da irgendetwas nicht stimmt.
Wenn man mit sogenannten Spezialisten spricht, erlebt man, daß sie ein Ungenügen empfinden und Gespräche über Zusammenhänge jenseits ihres Fachgebietes beginnen. Entdecken sie im Gesprächspartner womöglich einen Geisteswissenschaftler, Pädagogen, Philosophen oder Theologen, stellt sich die Frage nach zusammenhängenden Paradigmen und Syntagmen bald.
Mag sein, daß aus einer seit vielen Jahren überforderten Schule eine Reminiszenz an Sinnzusammenhängen übriggeblieben ist, mag sein, daß ein Rest religiöser Sozialisation und Erziehung die Sehnsucht nach umgreifenden Fragestellungen wachhält. Tatsächlich spiegelt sich in diesem Unbehagen eine Tendenz, die bereits in den Zwanziger Jahren als "Unbehagen an der Kultur" (Freud), als Frage nach dem "Umgreifenden" (Jaspers), als die Frage nach dem "Sinn" (Cassirer) oder anders gestellt wurde. Geschichtsphilosophie und Theologie lassen durchsichtig werden, daß im modernen Gewande in Frage steht, was bereits die Weisheitsliteratur der Antike resignierend feststellen ließ: "Es ist alles Windhauch" (Prediger Salomonis). Heute bemüßigt man sich, dadurch Abhilfe zu schaffen, daß man sich auf Ergebnisse empirischer Wissenschaften als Basis eines Gesamtbildes beruft; noch die Philosophische Anthropologie (Plessner u.a.) versuchte, auf solche Untersuchungen ein Welt- oder wenigstens ein Menschenbild zu gründen - mit zweifelhaftem Erfolg, angesichts auch diffundierender Erkenntnisse empirischer Wissenschaften.
So scheint nur der Ausweg, sich im Rahmen seines Fachgebietes exakt und methodisch genau zu bewegen, um wenigstens in einem Teilbereich Überblick zu gewinnen.
3. Fächerübergreifend arbeiten
Die bekannten Versuche, durch ein Studium Generale, durch universitas Abhilfe zu schaffen, lassen das Problem nicht lösen, solange nicht fächerübergreifend gearbeitet wird. Die Zeitschrift für Semiotik verkündete in ihrer ersten Nummer in Band 1, daß eben dies das Anliegen der Semiotik sei: eine fächerübergreifende Methode und womöglich eine Sprache zu benutzen; die Gesellschaft für Semiotik hat dieses Anliegen zu einem ihrer Hauptziele werden lassen; nach 15 Jahren Arbeit zeigt das Ergebnis, daß es zwar interessante Ansätze und Gespräche gibt, die Kongresse, Veranstaltungen und die Beiträge der Zeitschrift erschließen ein überraschendes Spektrum; zu einem Gespräch zwischen den Disziplinen kommt es aber kaum, selbst wenn man die Interdisziplinarität z.B. der Handbücher erstaunlich finden mag (Nöth).
Allerdings beschränkt sich die so geartete Interdisziplinarität auf wissenschaftliche Teilbereiche; auch in der DGS ist es bisher trotz aller Auffächerung nicht gelungen, bestimmte Bereiche einzubeziehen, - so fehlt z.B. ein Bereich "Wirtschaft, Ökonomie", - oder vorhandene Bereiche in ein forschendes Gespräch miteinander zu bringen. Veranstaltungen beschränken sich in der Regel wieder auf Sektionen einzelner Fachbereiche; schon einfache Kommunikationsprobleme wie Terminierung und Information über Veranstaltungen bereiten Probleme. Noch schwieriger ist es, den wissenschaftlichen und theoretischen Bereich zur Praxis hin zu überschreiten, beispielsweise im Bereich Design. Man kann die Hochschulsemiotiker in Deutschland an fünf Fingern abzählen, die Kontakt zur Industrie und Wirtschaftspraxis, zur konkreten Erziehungs- und Bildungswirklichkeit, zu Institutionen und Verbänden haben - aus welchen Gründen auch immer.
4. Hochschule und Wirtschaft
Was soll der Sinn solcher Kontakte von Wissenschaft und Praxis, von Politik und Wirtschaft mit wissenschaftlicher Arbeit sein, wenn es nicht reicht, die bekannten Institutionen dafür einzusetzen ( Wissenschaftsrat, Rektorenkonferenz, Verband der Industrie etc.)? Was soll der Sinn von Begegnungen sein, bei denen einerseits theoretisiert wird (so der Vorwurf der Wirtschaftsfachleute), wo anderseits nur nach verrechenbaren Ergebnissen gesucht wird (so der Vorwurf gegenüber dem Management)? Managementschulen haben ihre eigene Welt der Kontakte mit den Ökonomen aufgebaut. Wozu also weitere Kontakte in einer Akademie?
Systemtheoretische Überlegungen der Vergangenheit haben den Gedanken eines "Wert-Wissenschaftsintegrats" ins Spiel gebracht; danach gibt es gesellschaftliche Prozesse, in denen sich wissenschaftliche Arbeit mit Werten verknüpft, die gesellschaftlich relevante Gruppen vertreten. Käme es in einer Akademiearbeit nicht darauf an, solche Prozesse aufzuspüren, zu analysieren und verstehbar zu machen; könnte nicht ein semiotisches Intrumentarium, das erklärtermaßem kommunikative und kulturelle Aspekte einer Gesellschaft in besonderer Weise aufzuschließen vorgibt, Schrittmacherdienste leisten? Welchen Sinn also kann eine solche Arbeit haben, was ist das Ziel und wie kann ein Ergebnis aussehen?
5. Widersprüche und Aporien
Wirtschaftliche Praxis ist von Prognostik abhängig, da ihre Strategien auf Planungen und Planungsdaten beruhen. Die Ver-läßlichkeit solcher Prognostik, wo sie ins Globale geht, wird immer wieder in Frage gestellt; auch hier gilt: Prognostik hat ihren Sinn in bestimmten begrenzten und überschaubaren Bereichen gemäß der Validität zugrundeliegender Modelle; sie verliert ihre Aussagekraft, sobald ihre Ergebnisse verallgemeinert werden. Duch Logistik stößt z.B. auf Grenzen des politisch Mach- und Wünschbaren bzw. Begrenzten (Umwälzungen Osteuropa, Asylantenproblem). Die Frage, was Ziel und Ergebnis einer Akademiearbeit sein kann, ist daher für den Theoretiker eine Frage nach den Prämissen und dem situativen Kontext, dem Umfeld solcher Prognostik, Einschätzungen und Abschätzungen. Hermeneutischen Zusammenhänge drängen ins Spiel, die letztendlich geschichtsphilosophische Fragen aufwerfen.
Demgegenüber betonen etliche Semiotiker, daß ihnen solche Fragestellungen zu vage und methodisch zu wenig greifbar seien; sie glauben, daß ihre semiotische Arbeit zunächst nicht kulturphilosophische Arbeit sein kann, sondern analytisch vorgehen muß, um bestimmte Zeichenprozesse erfassen zu können; dieser pragmatische Ansatz verspricht eine gewisse Affinität zu den Methoden wirtschaftlichen Denkens und Handelns; die Semiotik glaubt, daß sie mit ihren Instrumentarien Handlungsprozesse und Konzepte analysieren und optimieren könne.
Eine erste Arbeitstagung müßte dies erweisen und verifizieren oder falsifizieren, wie weit dieser Ansatz richtig ist; daß dann letztendlich sich auch kultursemiotische und kulturanthropologische Fragen ergeben, liegt in einem sekundären Schritt auf der Hand.
6. Probleme
Gespräche setzen voraus, daß durch semiotisches Handeln in den Analysen wirtschaftlicher Zusammenhänge nicht nur die Frage beantwortet werden kann "Was ist Semiotik?" - ein Problem, dessen Schwierigkeitsgrad jedem Semiotiker vertraut ist angesichts unterschiedlicher Ansätze und Theorien. Wer kann also den Mut aufbringen, durch semiotisches Handeln, Semiotik und ihre Leistungsfähigkeit zu exemplifizieren, ohne jeweils den Diskurs über Theoriegebäude vorauszusetzen? Umgekehrt: wer hat als zielortiert arbeitender Manager Interesse, Zeit und Mut, seine vertrauten Arbeitsweisen einer solchen Analyse auszusetzen, ohne deren Umsetzungsmöglichkeit sofort ausweisbar mit nach Hause nehmen zu wollen. Die pragmatische Dimension des Umgangs mit Zeichen beispielsweise in Kommunikationsvorgängen eines Konzerns läßt sich zeitökonomisch kaum mit dem Aufwand einer theorielastigen Tagung verrechnen. Ferner: Es muß sich zeigen, daß die aktuellen und langfristigen Fragestellungen, daß neue empirische Erkenntnisse wie z.B. sozio-biologische mit aktuellen wirtschaftlichen und politischen Fragen und Problemen, aber auch mit designerischen und umweltpolitischen durch semiotisches Instrumentarium zu einem soziokulturellen Gesamtbild oder wenigstens zu Perspektiven verbunden werden können, die es sowohl erlauben, wirtschaftliche als auch kulturpolitische Strategien zu entfalten und zu optimieren bzw. ins Gespräch miteinander zu bringen.
7. Themenschwerpunkte
Eine Verifikation oder Falsifikation des Ansatzes muß sich auf Themen und Bereiche beziehen, die Aktualität und Repräsentativität mit sich bringen. Standardthemen wie beispielsweise "Ökologie und Umweltschutz", "Finanzierung", "Informationspolitik", "Werbung", "Verkauf", "Kultur", "Verkehr" können Aufschließer für Problemfelder und -anzeigen sein. Es empfiehlt sich für eine erste Tagung, Vertreter aus dem Bankenwesen, der Informationstechnologie, den Medien, der Umweltbranche, der Werbung etc. einzuladen und Semiotiker zu suchen, die deren Beschreibungen ihrer Arbeitsfelder Analysen gegenüberzustellen imstande sind.
8. Paradigma : "Anabasis 2000"
Die Akademiearbeit bedarf einer längerfristigen Perspektive, die von Beschreibungen gegenwärtiger gesellschaftlicher Zusammenhänge ausgeht.
8.1. Aufgabe: Das Design der gegenwärtigen Gesellschaft bewegt sich zwischen
-"Apokalypse und Fortschritt" (vgl. Eco Apokalyptiker und Integrierte, Frankfurt 1986, Taubes u.a. Der Fürst dieser Welt 3 Bde. München 1983-87), - "Untergang des Abendlandes und Dialektik der Aufklärung", - "Systemtheorie und Technologiekritik" (Luhmann/Spaemann, Paradigm lost, Frankfurt 1990).
Gesucht wird nach einer Deutefolie für semiotische Zugriffe z.B. kulturelle Strukturen, Systeme, Repräsentationen, um dadurch Entwicklungen einschätzen und abarbeiten zu können, ohne von vornher ein Redundanzen zu erzeugen oder solchen aufzusitzen.
Vorgeschlagen wird ein PROZESSprogramm als Projekt einer Herbstakademie, das nicht Lösungen anbietet, sondern sich zunehmend durch Abarbeiten am Thema " Zeichen 2000 " strukturiert.
Das Stichwort "Zeichen 2000" signalisiert einerseits ein längerfristig angelegtes Projekt, anderseits die Gelegenheit von Centenarfeiern als Anlaß zu nehmen, Kräfte für Perspektiven zu mobilisieren und zu zentrieren auf einen anzuvisierenden zeitlichen Abschluß eines Projektes, das sich der Probleme eines begrenzten Zeitraumes annimmt.
Semiotik ist nicht Gegenstand, sondern Methode des Arbeitsprozesses, d.h das Projekt ereignet sich in Semiosen bzw. wird inszeniert.
8.2. Rahmenanalysen geschehen durch jeweils beteiligte Wissenschaftler und Personen, die in Praxisfeldern tätig sind z.B. ein Informationstheoretiker und ein Programmierer, ein Architekt und ein Hochschullehrer für Architektur.
8.3. Beispiele:
8.3.1. Design 2000 - eine Stadt als Konstrukt, Utopie, Design: soziales System als Design, eine Gemeinde: ausgehen von den Problemen der Infrastruktur und ihrer Entwicklung angesichts von ökonomischen und politische Faktoren; Verfolgen der Entwicklung als Modell für wirtschaftliches und politisches Handeln im Gefolge permanenter semiotischer Analyse
8.3.2 Akademie als Prozeß (Zeichenprozeß 2000 oder Integration 2000) am Beispiel einer Institution wie z.B. einer Universität, eines Betriebes oder eines beliebigen anderen Systems, durchgespielt und revidiert von Akademietagung zu Akademietagung.
8.3.3 Auswahl eines Problemfeldes, das strategisch als Beispiel verfolgt wird, z.B. "Wasser" (vgl. Anhang der Materialien)
8.3.4 Tagungsdidaktisch und -methodisch einen Wechsel inszenieren zwischen - Theorieangebot als Rahmen und - Workshop als Angebot, an bestimmten Modellen handelnd bzw. projektorientiert tätig zu werden
8.4. Recherche Dezember 1991 in Stichworten
8.4.1. Entscheidend für Teilnahme sind das Programm und die persönliche Überzeugung, für die man "Zeit" aufwendet. - Das Programm muß von profilierten Persönlichkeiten getragen werden und den Interessen der Eingeladenen entsprechen
8.4.2. Thematische Interessen:
- Planungsstrategien und Zukunftskonkretion - ethische und humanphilosophische Themen soweit aktuell - Strategien zur angemessenen Einschätzung in Öffentlichkeit - Bezug zum Praxisfeld
8.4.3. Erwartungen an Persönlichkeiten
- Kreativität - Überblickswissen - Koordinationsfähigkeit - Strukturierung und Überblick - Bezug zum Praxisfeld
8.5. Folgerungen
8.5.1. strukturell
- verschiedene gesellschaftliche Ebenen verknüpfen: z.B:>Produktion>Verkauf>Konsum>Umwelt>Ethik>Erziehung>Entwicklung> Gesamtdesign einer Gesellschaft und seine Faktoren>Wahrnehmungsschulung - Deutemuster für Prognosen und Zusammenhänge generieren lernen - Interpretationsvorgänge verstehen - Entwicklungen wahrnehmen und strukturieren - Überblick gewinnen - Koordinationsmöglichkeiten finden - Szenarios einschätzen - Konkretionen entwickeln
8.5.2. semiotisch
welche Instrumentarien stellt die Semiotik zur Verfügung, die noch nicht redundant sind? - Verstehenskanäle - Kommunikationsmuster - Argumentationsmuster - Organisationsmuster - Tiefenstrukturen - Design - Strukturerkennungsmuster - Klassifikationsschemata - strukturale Anthropologie - Systemtheorie - Kulturanthropologie
In er ersten offiziellen Tagung der inzwischen gegründeten Herbstakademie fand dieses Paper in der Begrüssung seinen Niederschlag:
Dirk Röller (Begrüßung, Goslar): "Ich nehme die Stafette von Frau Lempp auf, begrüße Sie auch meinerseits und beginne gleich den Diskurs, der eine Semiose unserer Akademie darstellt, recht unakademisch, aber angesichts des neuesten Heftes der "Zeitschrift für Semiotik" signifikant mit einer Zitatenmontage: - Wir wissen von immer weniger immer mehr! - Keiner hört mehr dem anderen zu! - In der Dialektik der Aufklärung kommt die Rationalität an ihr Ende! - Finis hominis.
In einem geistreichen Essay meinte Odo Marquardt gegenüber einer an dieses Ende gelangten Reflexion mit der ihm eigenen Redeweise das sich einstellende Phänomen mit dem Kunstwort "Inkompetenzkompensationskompetenz" beschwören zu müssen. Und damit wäre man tatsächlich am Ende. Erinnert man sich freilich an den Anfang akademischer Tradition, an den Peripathos, so hieß doch peripathein nicht nur umhergehen, sondern auch, sich an Grenzen zu bewegen, Grenzgänger zu sein. Ein solches Bewegen auf der Grenzen zwischen wissenschaftlichem und alltagssprachlichem Diskurs versuchen wir in dieser Tagung.
Für manche Gesprächpartner, die ich zu einem solchen Grenzgang einladen wollte, war das nicht nur überraschend, sondern auch mühsam, und ich danke allen Teilnehmern, die trotzdem hierhergekommen sind, um sich mit uns auf solchen Grenzen zu bewegen.
Nicht immer weiß man, wohin dieses peripathein führt, und oft genug bin ich gefragt worden: "Was soll dabei herausschauen.?" Ich denke eben dieses: Schauen, Wahrnehmen und Hören auf andere, jenseits der Grenze liegende Bereiche, um von da aus Perspektiven zu gewinnen, die Entwicklungsprozesse der nächsten Jahre zu ver-folgen. Niemand wird angesichts meiner Zitatenmontage von mir verlangen, daß ich selbst sagen könnte, wohin der Weg geht; aber erwarten kann man, daß man aus dem Bekannten Materialien gewinnen kann, um den Weg ins unbekannte Land zu pflastern.
Akademiearbeit, wie sie durch diese Tagung begonnen wird, ist also nicht als Fortbildungsangebot zu verstehen oder ein Lehrinstitut, sondern in Erinnerung an die erste Akademie der Antike als Prozeß des akademischen Diskurses. Bei der Vorbereitung dieser Tagung haben Interessenten gefragt: "Was ist das Thema?", "Was ist das Ziel?". So berechtigt diese Fragen sind, so unangemessen sind sie, weil wir die Akademie als Arbeitsvorgang denken."
Dazu drei Problemskizzen:
1. Der Leiter der deutschen Dependence eines weltweit operierenden Chemiekonzerns sagt aus Anlaß einer Mitarbeiterschulung: "Ich stelle zunehmend fest, daß man bei Gesprächen einander nicht mehr zuhört. Ich kann produzieren, aber nicht verkaufen, wenn ich nicht höre, was meine Kunden sagen. Adäquate Produktion aber setzt wiederum voraus, daß die Produzenten und Mitarbeiter untereinander fähig sind, aufeinander zu hören."
Was jedem Hermeneuten eine Banalität ist: wir alle wissen, was die Folgen mangelnder Wahrnehmungsfähigkeit sind. Dennoch ergibt sich offensichtlich trotz dieses theoretischen Wissens in der Praxis unser Tätigkeitsfelder permanent ein Kommunikationsproblem: die Wahrnehmung erfolgt selektiv und oft nicht gegenstands-adäquat. So entsteht der Eindruck: Niemand hört mehr richtig zu; in Wirklichkeit geht es aus unterschiedlichen Gründen um eine gezielte Selektion zum Zweck einer Kanalisierung und Optimierung, die ein völlig unterschiedliches Gesicht tragen kann, weil sie unterschiedlich motiviert ist.
Ich gebe einige Beispiele: - bei Beurteilungen: das Angenehme Herausfiltern - beim Absatz: Zahlen frisieren - in Nachrichten: das Passende auswählen - in Anzeigen: das Ansprechende für eine Zielgruppe profilieren
Für die Selektion seien einige Gründe als Hypothesen und Vermutungen genannt: Im Arbeits- und Produktionsprozeß gibt es Strukturen, Rituale, Modalitäten und Verfahrensweisen, die wie eine Gesetzmäßigkeit wirken, z.B. - Produktorientierung - Erfolgsorientierung - Leistungsorientierung - Verrechenbarkeit - Honorierung
Wir müssen solche Strukturen kennen, um mit ihnen rechnen zu können; semiotisch gesprochen handelt es sich um Codierungen.
2. Man nimmt diese Strukturen beim Einstieg in das Arbeitsfeld noch bewußt wahr und verinnerlicht sie im Verlaufe der Integration so weit, daß in Kommunikationsprozessen nach den Zeichen selektiert wird, die vorher verinnerlicht sind; das System muß stimmen, weil sonst die Struktur des Systems bedroht ist und zu zerfallen droht. Kann die semiotische Analyse diese Beschreibungen fächerübergreifend aufschließen und Standards für mögliches Handeln formulieren, oder müssen wir bei den Prozessen zuschauen, abwarten, ohne mitzugestalten? D.h. die Beschreibungen und ihre semiotischen Analysen müssen ihre praktische Relevanz zeigen, indem sie als Handlungsstrategien codiert werden. Die Grundsatzreferate versuchen, einige Instrumentarien an die Hand zu geben.
3. Wenn in einem Gespräch ein Logistikmanager einige Handlungsmaximen nennt (gute Produkte; als erster am Markt sein; Vernetzung Produktion, Vertrieb und Information, geringer Verwaltungsaufwand, Profitorientierung, Marktlücke suchen, wo der Markt ist und am meisten erbringt) und gleichzeitig das Unverständnis für Politiker, die nicht nach Qualität und Umweltverträglichkeit fragen, zeigt sich ein Ansatz für die Arbeit der Akademie: ein Forum für Kommunikation über Grenzen des eigenen Bereichs und eigener Kompetenz hinaus zu schaffen, weil man trotz Know how und Strategie auf Grenzen im gesellschaftlichen Umfeld stößt, das ökonomisch schädlich ist.
Die Konsequenzen für Kommunikation und Planungsstrategie lauten: Semiosen sind zu verstehen als Codierungen für einen Kommunikationsfluß in einem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Netz, in dem wir uns bewegen. Die Codierungen müssen so angelegt werden, daß sie Verstehen eröffnen und nicht verhindern. Es wäre viel erreicht, wenn am Ende dieser Tagung das Ergebnis sichtbar würde, daß semiotische Methoden in diesem Sinne angewandt nicht nur hochschulintern diskutierte Theoreme sind, sondern auch als Dienstleistungsprogramm verstanden werden können.
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