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Angesichts des vielerorts diagnostizierten Sachverhalts einer Virtualisierung der Kommunikation und des Austausches von Werten, die auf ein disembodiment hinauslaufen, stellt sich die Frage des Konkreten in der Kommunikation und damit in Zeichenprozessen generell. 1. Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen ist, das weiß die sensualistische Erkenntnislehre seit der europäischen Antike. Bevor wir einem Ding eine Bedeutung zuordnen, ist es als Material unseren Sinnen ganz konkret, ganz dicht und opak erschienen und hat Reize ausgelöst, die wir auf mehr oder weniger automatisierte Weise verarbeiten und mit Bedeutungen koppeln.
Dies gilt auch für die Repräsentationen von Dingen - oder deren Verhältnis zueinander, also auch für die Repräsentationen von Sachverhalten -, die erst, wenn unsere Sinne von ihnen einen Reiz aufgenommen haben, von uns mit Bedeutungen verbunden werden. Repräsentationen von Dingen oder Sachverhalten sind Zeichen, die gemäß dem zuvor Gesagten für uns zunächst grundsätzlich konkret sind und keine Transparenz hinsichtlich einer Bedeutung aufweisen. Erst die erworbene und automatisierte Fähigkeit, den Repräsentationen Bedeutungen zuzuordnen, begründet eine relative Transparenz des materiellen und konkreten Zeichens hinsichtlich einer Bedeutung. In jedem Fall aber führt diese Transparenz zur gewohnheitsmäßigen Geringschätzung des Materials, also des Konkreten der Repräsentationen. Gerade dieser Umstand eröffnet für die Gestaltung die Möglichkeit, gegen die Gewohnheiten einen solchen Umgang mit dem Material zu wählen, daß die Sinnesaktivität ganz auf die Gestaltung des Materials gerichtet wird. Dies war das Programm des Konkretismus als Programm der Gestaltung im 20. Jahrhundert. Es stellt die Semiotik vor das besondere Problem, daß etablierte Zeichenfunktionen und -prozesse nicht mehr so selbstverständlich und umstandslos erfüllt werden, sondern daß ausgehend von der Analyse des Materials und des Mediums der Zeichen subversive Metamorphosen inszeniert werden können. Diese hatten einstmals das erklärte Ziel, politisch wirksam zu werden oder wenigstens die Regeln der Kommunikation zu hinterfragen, denn in ihnen manifestierte sich die Herrschaft über die Kommunikation. Insofern ist die Bewegung der Konkreten zugleich eine genuin semiotische und politische Bewegung gewesen. 2. Zeichen sind ein einem weiteren Sinne konkret: Das Konkrete ist das, was im Vorgangs des concrescere entsteht, es ist das Verdichtete, das im Prozeß der Repräsentation von Dingen und Sachverhalten das im Prozeß der Repräsentation von Dingen und Sachverhalten als das Ergebnis von Reduktionen, Selektionsverfahren, Weglassungen etc. entsteht. Es wird aus der Zusammenfügung derjenigen Inhalte der Wahrnehmungen erzeugt, deren Repräsentation unter den jeweils verschiedenen sozio-historischen und kulturellen Umständen als die geeigneten erkannt werden, ein Ding oder einen Sachverhalt zu bezeichnen. In diesem Sinne ist das Zeichen bereits das Konkrete, denn es ist Verdichtung (concretum oder concrementum).
3. Betrachtet man die verschiedenen Disziplinen, so stellt man fest, daß der Begriff des Konkreten vielfältige Facetten aufweist und in den verschiedenen Wissenschaftskulturen ganz verschiedene Nuancierungen des Begriffs vorherrschen. Von daher erscheint es im Sinne einer maximalen Komplexität des Verfahrens der Annäherung an das Phänomen auch gar nicht als wünschenswert, die vorgefundene Diversität durch definitorische Arbeit zu reduzieren.
Somit sind der Begriff des Konkreten und des davon abgeleitete gestalterische Verfahren des Konkretismus auf der einen Seite äußerst produktiv, wenn es darum geht, ein bestimmtes Phänomen in der Entwicklung modernen Gestaltens zu erfassen. Auf der anderen Seite versammeln sie ganz unterschiedliche Konzepte, die so einfach nicht miteinander vereinbar sind und womöglich auch nicht miteinander vereinbart werden sollten. Die Lage dürfte also derart beschaffen sein, daß wir durchaus ein neues Verständnis von wissenschaftlichem und hier im konkreten Fall kunst- oder kulturhistorischem Diskurs anstreben sollten: Es kann nicht mehr darum gehen, schulmäßige Definitionen und Lehrmeinungen zu konstruieren, die dann in Konkurrenz mit anderen durchgefochten werden müssen. Vielmehr scheint es zukunftsweisend zu sein, wenn die Verschiedenheit der Positionen ganz gemäß der prinzipiellen Uneindeutigkeit von Begriffen als Bedingung unserer Begriffe des Konkreten und des Konkretismus akzeptiert würde.
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