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Nachruf auf Erhardt Güttgemanns (1935 - 2008)
Am 15. Januar 2008 ist Erhardt Güttgemanns nach langer Krankheit wenige Wochen vor seinem 73. Geburtstag gestorben.

Kurz bevor die Zeitschrift „Linguistica Biblica" nach 68 Nummern ihr Erscheinen einstellte, hat der Herausgeber Erhardt Güttgemanns Umberto Eco zu seinem sechzigsten Geburtstag 1992 ein Heft gewidmet. Er schrieb darin:


Das vorliegende Heft ist einem alten Mitstreiter, Umberto Eco, gewidmet, der zu den regelmäßigen Beziehern unserer Zeitschrift gehört und mit dem zusammen das 1. Semiotiker-Treffen in Deutschland im Jahre 1971 in Ulm und München unter Leitung von Martin Krampen stattfand. Unvergeßlich sind dem Herausgeber die Kommentare Ecos zum noch halbfertigen Olympia-Stadion in München, aber auch die Gespräche zusammen mit Hermann Kalkofen in der „Schwemme" des Münchner Hofbräu-Hauses. Daß Eco durch seine Romane „berühmter" werden würde als durch seine bereits damals stattlichen wissenschaftlichen Beiträge zur Semiotik, konnten wir 1971 noch nicht ahnen. Daß unsere Widmung für ihn auch ein Zeichen der großen Dankbarkeit für die letzten 20 Jahre ist, sei nur am Rande erwähnt.


Güttgemanns sieht sich in dieser laudatio als einer der „Männer der ersten Stunde" - mit gewissem Recht insofern er Ansätze der allgemeinen Sprachwissenschaft für neutestamentliche Theologie fruchtbar zu machen suchte und mit einer Hermeneutik, in deren Mittelpunkt das sog. „Sprachereignis" stand, abzugleichen suchte. Güttgemanns sah sich darüber hinaus insbesondere durch die seinerzeit in den Sprachwissenschaften ins Gespräch gekommenen soziologischen Fragen im Gefolge von Saussure und den russischen Formalisten herausgefordert (1970). Er fand Unterstützung bei linguistisch orientierten Sprachwissenschaftlern. Es kam zu Arbeitsgruppen, die Güttgemanns zu der Überzeugung brachten, dass theologisch - exegetische Arbeit sich im interdisziplinären und interkulturellem Gespräch fortentwickeln müsse.


Da dieses Vorhaben nicht nur auf Zustimmung stieß, suchte Güttgemanns nach unabhängigen Publikationsmöglichkeiten, zu deren Zweck er im eigens gegründeten Verlag die Zeitschrift „Linguistica Biblica" und die Reihe „Forum Theologiae linguisticae" (1970/1 ff.) herausbrachte. Wer die ersten Hefte rückblickend noch einmal in die Hand nimmt, sieht sich nicht nur einem breiten Autorenspektrum gegenüber, sondern spürt eine „dynamischen Aura" in den Beiträgen, die damals die Aufbruchstimmung des theologisch-linguistischen Arbeitskreises beherrscht haben muss.

Jedenfalls gelang es Güttgemanns innerhalb weniger Jahre, einen internationalen und interkulturellen Diskurs für seine Arbeit zu erschließen und immer wieder Autoren zu gewinnen, die innovative Impulse artikulieren konnten. Deutlich standen damals die „strukturale Erzählforschung" in Auseinandersetzungen u.a. mit Propp, Todorov und Greimas und die „Linguistik für Textwissenschaftler" (1978) im Mittelpunkt der Arbeit.


Im Jahre 1980 wurde er nicht nur zum Professor für neutestamentliche Exegese an der Bonner Friedrich-Wilhelms-Universität ernannt, sondern auch zum Beirat für Religionswissenschaften der DGS gewählt.

In diesen Funktionen hat er einerseits bis zu Heft 68/1993 der Zeitschrift Linguistica Biblica immer wieder eine Standortbestimmung der neutestamentlichen Theologie versucht. Er hat sich bemüht, seine Sehweisen zu erweitern und frühzeitiger als andernorts wahrzunehmen, dass die in der Nachfolge Saussures sich bewegende französische Semiologie und die Denkansätze von Foucault, Derrida und Lacan ihm weiterführendes Verständnis von Textcorpora vermitteln könnten (so explizit z.B. in „fragmenta semiotico-hermeneutica" von 1983 ).

Anderseits hat er in von ihm organisierten Symposien und Sektionssitzungen bei Kongressen sowie durch internationale Kontakte im Umfeld von Linguistica Biblica Interessierten Diskursmöglichkeiten geboten und das Spektrum semiotischer Fragestellungen eröffnet.


Insbesondere dort, wo nicht primär das fachliche Selbstverständnis neutestamentlicher Wissenschaft infrage stand, gelangen in Symposien interdisziplinäre Kommunikation und Transfer von Analyseergebnissen in Anwendungszusammenhänge (z.B. Das Phänomen der „Simulation" 1991). So kann es nicht verwundern, dass sein Wirken jenseits seines originären Fachbereichs nachhaltig werden konnte.


Umstritten in seinen kämpferischen Thesen, blieb unbestritten der anregende und innovative Charakter seiner Arbeit.


Am 15. Januar 2008 ist Erhardt Güttgemanns nach langer Krankheit wenige Wochen vor seinem 73. Geburtstag gestorben.



Dirk Röller

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