Urbane Wahrnehmungsformen - Vom Überleben alter MusterSusanne Hauser
„Die psychologische Grundlage, auf der der Typus großstädtischer Individualitäten sich erhebt, ist die Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrucke hervorgeht. Der Mensch ist ein Unterschiedswesen, d. h. sein Bewußtsein wird durch den Unterschied des augenblicklichen Eindrucks gegen den vorhergehenden angeregt; beherrschende Eindrucke, Geringfügigkeit ihrer Differenzen, gewohnte Regelmäßigkeit ihres Ablaufs und ihrer Gegensätze verbrauchen sozusagen weniger Bewußtsein, als die rasche Zusammendrängung wechselnder Bilder, der schroffe Abstand innerhalb dessen, was man mit einem Blick umfaßt, die Unerwartetheit sich aufdrängender Impressionen. Indem die Großstadt gerade diese psychologischen Bedingungen schafft - mit jedem Gang über die Straße, mit dem Tempo und den Mannigfaltigkeiten des wirtschaftlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens - stiftet sie schon in den sinnlichen Fundamenten des Seelenlebens, in dem Bewußtseinsquantum, das sie uns wegen unserer Organisation als Unterschiedswesen abfordert, einen tiefen Gegensatz gegen die Kleinstadt und das Landleben, mit dem langsameren, gewohnteren, gleichmäßiger fließenden Rhythmus ihres sinnlichgeistigen Lebensbildes.“ (Simmel 1984,192f.)
Das Zitat stammt aus Georg Simmels bahnbrechendem Aufsatz über ,,Die Großstädte und das Geistesleben“ aus dem Jahr 1903, der unter anderem für die stadtsoziologischen Forschungen der Chicagoer Schule grundlegend wurde. Die Veränderungen in der Wahrnehmung durch das Leben in der modernen Großstadt haben seit Simmels Aufsatz die Soziologie beschäftigt und zu Forschungsarbeiten in anderen Disziplinen wie Psychologie, Anthropologie oder Literaturgeschichte geführt (vgl. Hauser 1990, Smuda 1992). Unumstritten ist dabei über Disziplingrenzen hinweg, daß die Ausbreitung städtischer Lebensformen Veränderungen im Gebrauch der menschlichen Sinne bedeutet hat und damit neue Bedingungen für Subjektivierung und Individuierung entstanden sind. Topisch ist die schon von Simmel artikulierte Beobachtung, daß der rasche Wechsel von Eindrücken als Grundlage dieser Änderungen anzusehen ist
Mein Beitrag hat zwei Ziele. Er beschreibt zunächst Art und Struktur der Prägung der sinnlichen Wahrnehmung durch die großen Städte. Dabei folge ich einigen klassischen Texten und identifiziere die Charakteristika, die großstädtischer Wahrnehmung über die Grenzen von Disziplinen und Diskursen hinweg zugeschrieben wurden und werden.
Als Zeugen für diese Charakterisierungen zitiere ich neben Simmel die Psychologen Hellpach und Milgram, den Literaturwissenschaftler Walter Benjamin und schließlich einige Reisende in große Städte, die schon im 18. Jahrhundert Merkmale städtischen Wahrnehmens identifizieren, die die späteren wissenschaftlichen Befunde vorzeichnen.
Das zweite Ziel ist die Beantwortung der Frage nach der Aktualität dieser Muster. Diese Frage bezieht sich auf das Nachleben der Beschreibungen der modernen Großstadtwahrnehmung als Gestaltungs- und Inszenierungsvorgaben für Räume, denen in besonderem Maße „Urbanität“ zugeschrieben wird.
1. Soziologische, literaturwissenschaftliche und psychologische Überlegungen zur großstädtischen Wahrnehmung (1903-1970) Die nun vorgestellten vier Texte stehen exemplarisch für Beschreibungen großstädtischer Wahrnehmungsmuster. Sie stammen von Autoren, die unterschiedliche politische Auffassungen und Menschenbilder vertreten und in drei unterschiedlichen Disziplinen gearbeitet haben. Die Texte sind über einen Zeitraum von knapp 70 Jahren veröffentlicht worden. Da die Gemeinsamkeiten in der Charakterisierung der durch die Großstadt geprägten Sinneswahrnehmung im Vordergrund steht, seien hier die erheblichen Unterschiede in der Beschreibung der warnehmenden Subjekte vernachlässigt zugunsten einer Konzentration auf das, was die Autoren als die die Sinnlichkeit prägenden Merkmale der großstädtischen Umgebung sehen.
Der Aufsatz Simmels, aus dem das oben angegebene Zitat stammt, steht im Rahmen von Forschungen zum Konstitutionsprozeß von Individualität in der industriellen Moderne, eine Frage, die Simmel insbesondere in seinem Buch über die sich ausbreitende Geldwirtschaft vertieft hat (1900/1958). In seinem Aufsatz über die Großstädte geht er davon aus, daß die Stadt von den Individuen eine Anpassungsleistung verlangt: Sie zwingt dazu, den „rechnenden Verstand“ als Schutzorgan zwischen das unmittelbare Auffassen von unerwarteten und vielfältigen Eindrücken zu schieben und sie nach seinen Schemata zu organisieren. Die Auffassung der Dinge nach Schemata aber, so Simmel. führe zu einer ,,Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge', die ,,in einer gleichmäßig matten grauen Tönung“ erscheinen. Simmel erklärt aus diesen Bedingungen der Sinnlichkeit in der Stadt die ,,Blasiertheit“ des Großstädters, ,,in der die Nerven ihre letzte Möglichkeit, sich mit den Inhalten und Formen des Großstadtlebens abzufinden, darin entdecken, daß sie sich die Reaktion auf sie versagen.“ (Simmel 1984,196f.)
Während Simmel neben einer Bilanz der Verluste der Sinnlichkeit auch eine der Gewinne durch städtische Lebensformen eröffnet, wie etwa den Gewinn an Freiheit und die Individualisierung des Verhaltens, so ist der Psychologe Willy Hellpach von der Schädlichkeit großstädtischen Lebens überzeugt Seine Thesen zu ,,Mensch und Volk in der Großstadt“ hat er zunächst zwischen 1935 und 1940 veröffentlicht und wieder, in leicht veränderter Form, 1952. Sein Ziel ist die Erfassung der ,,sozialbiologischen Vorgänge“, die großstadtspezifisch sind - unter der Voraussetzung, daß die Großstadt ,,schädigend, widernatürlich und volkszerrüttend“ sei. (Hellpach 1952, 3) Was die Sinne in der Stadt angeht, ~ konstatiert Hell-pach einen ,,Überreizungszustand“ und ,,Nervösität“ als Grundbefindlichkeit. Als Ursache der zugrunde liegenden ,,Reizsamkeit“ identifiziert er Faktoren biochemischer Art, die durch Bebauung und Luftverschmutzung hervorgerufen werden sowie ,,sozialpsychische Tatbestände“ (ebd. 69, 49, 68) wie die ,,Enge“ und das ,,Gedränge', die durch die Menschenmassen in der Stadt entstehen.
In der Beschreibung der fragmentarischen Wahrnehmung in der Großstadt stimmen Hellpach und Simmel weitgehend überein: ,,Jeder der zahllosen Eindrücke ist nur dazu da, um erfaßt und bewältigt, keiner aber, um festgehalten und bewahrt zu werden.“ (Hellpach 1952,71) Anders aber als Simmel nimmt Hellpach keine Vergleichgültigung der Wahrnehmungsgegenstände an, sondern geht von einer vielfältigen Sinneswarnehmung aus, die allerdings mit einem ,,Bruch in der Psychophysis“ des Großstadtmenschen einhergehe, denn ,,nirgends sonst sind sich so viele Mitmenschen äußerlich so nahe und innerlich so fern, sind Ihre Augen füreinander so aufgetan und ihre Gemüter füreinander so verriegelt.“ - ,,Sensuelle Vigilanz“ gehe mit ,,emotionaler Indifferenz“ einher.
Fern von jener Mischung aus ,,Agrarromantik“ und ,,Großstadtfeindschaft“ (Bergmann), die Hellpach aktualisiert und propagiert, befaßt sich der Literatursoziologe Walter Benjamin mit der großstädtischen Wahrnehmung. Sein Befund weist dennoch strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Hellpachs auf. Benjamin hat in seinen 1939 veröffentlichten Untersuchungen an den ,,Fleurs du Mal“ von Charles Baudelaire die großstädtische Wahrnehmungsweise charakterisiert: Ihre ,,Bildstruktur“ lege es nahe, über eine moderne ,,Wahrnehmungsnorm“ nachzudenken, die in den Großstädten ihre Ausprägung erfährt. Diese Wahrnehmungsnorm ist die des ,,Schockerlebnisses“: Plötzlichkeit, Unerwartetheit und Aggressivität charakterisieren die Eindrücke, die die Stadt für die Sinne bereithält. Eine Umgebung, die die Sinne mit Schocks überflutet, verlangt eine besondere Adaption, einen ,,Reizschutz“, den das Bewußtsein durch ,,Training“ bildet: Es ,,pariert“ die mit starken Energien auf die Sinne eindringenden Reize. Je intensiver Schocks die Wahrnehmung beeinflussen, desto eher tritt an die Stelle der Erfahrung das ,,Erlebnis“, an die Stelle eines Gedächtnisinhalts eine Zeitstelle im Bewußtsein, an die Stelle kohärenter Erzählung die Information.
Der Kunst, und auf sie zielen die Überlegungen Benjamins, wächst unter diesen Umständen eine neue Funktion zu: Wenn die Kunst auf die Wahrnehmungszumutungen der Großstadt reagiert und sie zu ihrer Bedingung macht, sollte sie einen hohen Grad an Reflexion erwarten lassen und so die ,,Emanzipation von den Erlebnissen“ leisten. Diese Kunst, die einer neuen ,,Sinnlichkeit“ entspricht, kontrolliert und selektiert wie diese und bewältigt so die neue Wahrnehmungsnorm des Schocks und der Informationen, indem sie sie aufhebt.
Wieder aus einer anderen Perspektive, der kybernetisch inspirierten empirischen Forschung, hat der Psychologe Stanley Milgram in den 60er Jahren den Versuch unternommen, den Befund Simmels in Experimenten überprüfbar zu machen und so zu Aussagen über ,,Das Erleben in der Großstadt“ zu kommen. Wieder wird die Stadt dargestellt als ein Ort, der eine spezifische Anpassungsleistung der Individuen verlangt, einen spezifischen Gebrauch von Sinnlichkeit insbesondere. Milgram prägt den Begriff der ,,Überbelastung“ zur Charakterisierung der individuellen Erfahrung angesichts großer Zahl, Dichte und Heterogenität der Menschen in einer Stadt. Unter Überbelastung versteht er die ,,Unfähigkeit eines Systems, Inputs aus der Umgebung zu verarbeiten, weil die Zahl der Inputs zu groß ist, als daß das System damit fertig werden könnte, oder weil die aufeinander folgenden Inputs so schnell kommen, daß Input A nicht verarbeitet werden kann, wenn Input B dargeboten wird.“ Die notwendige Folge der Überbelastung ist eine ,,Adaption“: ,,Das System muß Prioritäten festlegen und Entscheidungen treffen.“ (Milgram 1970,143). Milgrams Großstadtbewohner bewegen sich dementsprechend in einer sie mit Informationen überflutenden Umgebung, die ihnen fortdauernd neue Angebote für Entscheidungen macht; sie wählen, was ihnen ,,nützt“ und ignorieren zum Selbstschutz alles andere.
Wenn auch die Unterschiede in der Interessenlage und Fragestellung wie in der Beschreibung der Subjekte des Wahrnehmens erheblich sind, wenn auch die Texte 1903, 1935/1942, 1939 und 1970, - also über einen Zeitraum von knapp 70 Jahren veröffentlicht worden sind, so zeigen sich deutliche Gemeinsamkeiten in der Beschreibung: Simmel, Hellpach, Benjamin wie Milgram begreifen die Wahrnehmung in der Großstadt als eine Herausforderung, das Wahrgenommene als ebenso fragmentarisch wie überwältigend, als Reiz, Information, Erlebnis. Eine Adaption, Anpassung, ein Schutz, den die Großstadtbewohner ausbilden, wird jeweils angenommen, Menschen in der Großstadt bewältigen die Wahrnehmungssituation über ,,Blasiertheit“, ,,Reizschutz“' ,,Entscheidungen“ - und heben sie allenfalls über Reflexion auf.
Die Lektüre der zitierten Texte hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck: Eindeutig negativ fällt die Bewertung des Festgestellten nur bei Hellpach aus, einem erklärten Gegner der Großstadt, während die übrigen genannten Autoren ambivalent bis neutral bleiben. Die übereinstimmend vorgebrachte Behauptung, daß ein Schutz zwischen Sinne und Stadt zu bringen sei, kann als Zugewinn an Rationalität, als gesteigerte ,,Bewußtheit“, ,,Wachheit“, Notwendigkeit zur Reflexion und Entscheidung, der Gewinn der großstädtischen Wahrnehmungsform verstanden werden. Daß postulierte Fähigkeiten einer als ,,unmittelbar“ verstandenen Sinnlichkeit, die nicht auf Schutz angewiesen ist, auf der Strecke bleiben, wird als (notwendiger) Verlust gebucht, der entweder kompensiert wird durch andere Gewinne großstädtischen Lebens oder neue Fähigkeiten herausfordert.
2.Wahrnehmungsherausforderung Großstadt: Briefe, Reiseführer und Reiseberichte aus großen Städten zwischen 1718 und 1799 Die übereinstimmende Sicht der Wahrnehmungsnorm wie auch die Ambivalenz, die in den ausgewählten soziologischen, psychologischen und literatursoziologischen Texten zum Ausdruck kommt, ist bereits in Briefen und Reisebeschreibungen des 18. Jahrhunderts vorgezeichnet, die die Wahrnehmungsherausforderungen der Großstadt zu formulieren suchen. Die Irritation, die das damalige großstädtische Leben in Paris den Unerfahrenen zu bieten hat, beschreibt etwa Nemeitz' der 1718 einen Reiseführer für junge Adelige verfaßt, recht eindrucksvoll:
,,Allein Frembde/wenn sie aus ihrem Vaterlande/ohne die Welt ein wenig zuvor gesehen zu haben/directement nach Paris kommen/so werden sie durch die Menge so vieler admirabler Sachen/die ihnen flugs in die Augen fallen, eblouiert. Es geht ihnen wie denen/welche tout a coup aus einem finstern Ort an die Sonne kommen/oder wie einem/der unversehens in Wasser faellet/der da nicht weiß/wie ihm geschicht.“ (Nemeitz 1718, 36)
Die Verwirrung zu meistern, ist für Nemeitz eine Sache der Erziehung und der Gewöhnung, vor allem aber verlangt die Stadt, damit sie wahrgenommen werden kann, Pläne und Führer, die eine Ordnung in das Angebot der Reize bringen - ein früher Ruf nach verstärktem Verstandesgebrauch angesichts der großstädtischen Herausforderungen an die Sinne.
Es gibt für die im Folgenden angeführten Stadtbeobachter des 18. Jahrhunderts einen Ort, an dem die die Sinne und den Verstand betreffende Irritation, gegen die noch kein Training wappnet, sinnfällig wird. Dieser Ort ist die überfüllte Straße in der Innenstadt oder auch jeder andere Ort, an dem sich die Menschenmassen drängen: Hier wird die Stadt in nuce in ihren hervorragendsten Eigenschaften wahrgenommen.
In dieser Wahl stimmen sie mit den oben zitierten wissenschaftlichen Überlegungen überein: Der Ort, an dem sich das Auge nicht stillstellen will, an dem das Ohr, mit Lärm erfüllt, zur Orientierung nichts mehr beiträgt, an dem der körperlichen Berührung durch andere kaum aus dem Weg zu gehen ist, alle Sinne im Spiel sind, ist der paradigmatische ort für die Beschreibung der städtischen Wahrnehmungssituation noch in Milgrams 1970 veröffentlichter Untersuchung. Und ebenso übereinstimmend ist die Konzentration auf eine Fortbewegungsart der wahrnehmenden Menschen in der Stadt: Sie sind Fußgänger.
,,Straßenbilder“ (Riha) sind in der Stadtliteratur topisch, und wenn sich die Rede von Informationspartikeln, fragmentarischer und flüchtiger Wahrnehmung wie die von Distanzverlust und neuer Notwendigkeit der Wahrnehmungsschulung in der Stadt an einem literarischen Topos aufzeigen läßt, dann an diesem. In Straßenbeschreibungen wird versucht, die Stadt in konzentrierter Form sinnlich zu erfassen und der Zerstreutheit des Wahrnehmens wie den Anstrengungen zur Beherrschung der Sinneseindrücke Ausdruck zu geben. Alle Sinne sind im Spiel, wenn sich die frühen Schilderer der paradigmatischen Orte der Großstadt ins Menschengewühl begeben. Das Ohr wird betäubt durch das Rollen von Rädern, der Blick irrt hin und her, die Menge stößt und drängt und behindert die freie Bewegung. Friedrich Schulz beschreibt 1791 eine Pariser Straßenszene:
„Hier schwebt eine ungeheurer Haarbeutel, dort ein Riesenstiefel; hier lehnt ein fürchterliches Schlachtschwert; hier klappern drei Dutzend Würste, vom Wind bewegt; dort einige Dutzend der schönsten und reichsten Uhren, die prächtigsten Schnallen, die herrlichsten Knöpfe, die wohlriechendsten Pomaden, die feinsten seidenen Zeuge, Meisterstücke von Kupferstichen, der blendenste Musselin, die feinsten Spitzen, ... dieß alles lockt sage ich, in der buntesten und abenteuerlichsten Mischung an; und steigen dann die Blicke höher, so begegnet man wohl zwei schwarzen funkelnden Augen, die einen bedeutend anstarren; einer kleinen weißen Hand, die einem winkt (Schulz 1791/1985, 239 f.).
Ähnlich Verwirrendes berichtet Lichtenberg aus London:
„Die untern Etagen bestehen aus Boutiquen und scheinen gantz aus Glas zu seyn; viele tausende von Lichtern erleuchten da Silberläden, Kupferstichläden, Bücherläden, Uhren, Glas, Zinn, Gemählde, Frauenzimmer-Putz und Unputz, Gold, Edelsteine, Stahl-Arbeit, Caffeezimmer und Lottery-Offices ohne Ende...Die Zuckerbäcker blenden mit ihren Kronleuchtern die Augen und kützeln mit ihren Aufsätzen die Nasen ...; da hängen Festons von spanischen Trauben, mit Ananas abwechselnd, um Pyramiden von Aepfeln und Orangen, dazwischen schlupfen bewachende und, was den Teufel gar los macht, offi nicht bewachte weißarmigte Nympfen mit seidenen Hütchen und seidenen Schlenderchen. Sie werden von ihren Herren den Pasteten und Torten weißlich zugesellt, um auch den gesättigten Magen lüstern zu machen .... Den ungewöhnten Augen scheint dieses alles ein Zauber; desto mehr Vorsicht ist nöthig, Alles gehörig zu betrachten; denn kaum stehen sie still, Bums! läuft ein Packträger wider Sie an und rufft by Your leave wenn Sie schon auf der Erde liegen.“ (Lichtenberg 1775/1985, 226).
In das intensive Erleben, Erlaufen der Stadt sind alle Sinne involviert. Das Unherschweifen zwischen Menschenmassen in der Warenwelt der großen Städte ein Fest für die Sinne, bedeutet Irritation, erotische Lockung, Verwirrung. Alle Erlebnisse sind flüchtig - und die Beobachtung des vielfältigen Geschehens läßt manche als Beobachter Ausgezogene vergessen, daß sie in der Stadt distanzierte Beobachter sein wollten. Erst im Schreiben, erst in der Reflexion, klärt sich das siebte (vgl. Hauser 1990, 91ff.).
Die Bewertung dieser auflösenden Erfahrung, die neue Umgangsweisen und Vorkehrungen verlangt, ist schon in der frühen Großstadtliteratur ambivalent. Die Unmöglichkeit, sich an den paradigmatischen Orten der Großstadt, auf der Straße, auf Plätzen, zu bewegen und sie gleichzeitig distanziert zu einem Bild zu schließen, die damit beobachtete Verunsicherung dessen, was als beobachtendes „Ich“ verstanden wird, irritiert manche, stimmt andere ängstlich, während einige die Entgrenzung des Ichs oder den Widerstand gegen die auflösende Kraft der Umgebung schlicht genießen:
„Bei dem unaufhörlichen Gewirre, bei der unbeschreiblichen Menge von Menschen verschwindet das eigene Individuum so ganz, kein Mensch kümmert sich um einen, keiner nimmt Rücksicht auf einen, ja man wird selbst so mit dem Strom fortgerissen, daß man sich selbst nur wie ein Tropfen gegen den Ozean erscheint. Das hab ich gern.“ (W. von Humboldt 1789/1906, 52f.)
,,Zwischen einer so unzählbaren und rastlos bewegten Menge durchzugehen ist gar merkwürdig und heilsam. Wie alles durcheinanderströmt und doch jeder einzelne Weg und Ziel findet. In so großer Gesellschaft und Bewegung fühl ich mich erst recht still und einsam; je mehr die Straßen toben, desto ruhiger werd' ich.“ (Goethe 1787/1962, 231)
,,Wer kann in diesem Schreien, Stoßen, Klingen, Schieben, Ziehen und Locken bleiben, wenn er nicht mit seinem Besseren in sich selbst zu bleiben weiß? Es ist die gefährliche Stunde der Nacht, der Rausch berauscht mit, schwärmerisch scheinen die Sterne droben, verführerisch blitzen die tausend Lichter, die doch hier und da noch ein Stück von einer willkommenen Dämmerung lassen; verführerischer noch blitzen tausend Augen, die ihre Artillerie alle für diese Stunde verspart haben.“ - ,,So schwimmt man, geblendet an Augen, betäubt an Ohren, gelockt, gezupft, gerufen von allen Seiten, in dem Wirbel mit um, und der Kälteste und Nüchternste hat sich hier wohl in Acht zu nehmen, daß er nicht als ein Besoffner heraus-taumelt oder fortgeleitet werde.“ (Arndt 1799/1982, 224 u. 221)
Noch Richard Sennett wird das ,,Straßenleben', die Herausforderung des klassischen paradigmatischen Ortes der Stadt beschwören: ,,,Straßenleben' ist ein Synonym für die Provokationen und Anstöße, welche die Stadt bereithält, Provokationen, die überwiegend von Erfahrungen mit dem Unerwarteten herrühren.“ (Sennett 1991, 197).
3. Inszenierung alter Muster und neue Einkaufslust Geplanter Distanzverlust und die Erzeugung einer wohligen Zerstreuungsatmosphäre für Fußgänger in der modernen Großstadt, Inszenierungen zum Durchbrechen von ,,Vigilanz“ wie ,,Blasiertheit“ haben seit Ende des 18. Jahrhunderts immer wieder eine wesentliche Rolle in ihrer Gestaltung gespielt. Vor allem zur Erzeugung „entspannter Kaufbereitschaft“ (Hackeisberger) haben Planer von Verkaufsstätten die Erlebniswelt, die die Großstadtstraße den Sinnen zu bieten hat, von jeglicher Provokation gereinigt, neu interpretiert und aktualisiert.
Die Passagen, Galerien und Arkaden, die seit dem späten 18. und im 19. Jahrhundert zur Erschließung großstädtischer Baublöcke gebaut werden und neue Verkaufsflächen in ihrem Inneren schaffen, stellen in geordneter, kultivierter Form die Eigenschaften vor, die das großstädtische Angebot an die Sinne zu einem typischen gemacht haben. Seit den 60er Jahren dieses Jahrhunderts wird die Erzeugung dieser Atmosphäre wieder zu einem wesentlichen Faktor der Definition und Gestaltung von Innenstädten. Die auf einen breiten Konsens stoßende Kritik an der Verödung der (Innen)Städte, wie sie unter anderen Jane Jacobs in den USA und Alexander Mitscherlich in der Bundesrepublik artikuliert haften, führte zu neuen Anstrengungen zur Definition und Erzeugung von „Urbanität“, sie resultierten unter anderem in der Wiederentdeckung des Fußgängers und seiner Wahrnehmungsweise. Teilantworten auf die aufgeworfenen Fragen zum verlorenen öffentlichen Raum und zur Stadtgestaltung waren die Wiederbelebung der Passage und - weit verbreitet - die Einrichtung der Fußgängerzonen. Sie sollten für die Abwechslung und die Menge an Reizen sorgen, die ,,Urbanität“ zu versprechen schienen. Einige feierten die Umgestaltung der Innenstädte zu geschlossenen ,,Einkaufs- = Erlebnisbereichen“, andere kritisierten die Hypostasierung der ,,verdichtete(n) Verkaufsatmosphäre mit Basarwirkung“ zur Urbanität (vgl. W. Durth 1977).
Der Siegeszug der inszenierten Zerstreuungsatmosphäre hat bis heute angehalten. Städtische Zentren verfügen jetzt normalerweise über Plazas, Malls, Passagen. Diese Orte setzen auf die Wiedererweckung der anregenden und motivierenden Zerstreuung' die sich als ambivalenter bis positiver Distanzverlust in den Schilderungen früher Großstadtbeobachter darstellt als eine den Verstand, die Entscheidungsfähigkeit und die Reflexion herausfordernde Überbelastung in den zitierten soziologischen, literaturwissenschaftlichen und psychologischen Untersuchungen. Urbane Vielfalt, die zerstreut und (zum Kauf) lockt, die Wahrnehmungspartikel bietet, die sich zur vollen Präsenz eines Bildes nicht schließen wollen, findet sich inszeniert in städtischen Innenräumen: Lobbys in Hochhäusern, Galerien in Straßenblöcken übernehmen die Funktion von Plätzen und belebten Straßen, Orten, an denen sich die Stadtbewohner und -besucher drängen sollen. Die Verwirrung durch die Stadt, durch ihre Warenmenge, ihre Bewohnermassen, Lichter und Luxusgegenstände, läßt sich in diesen überdachten, geschützten und zumeist privaten Innenräumen, von ärmlichen Anblicken gereinigt, wieder und noch erleben.
Diese Stadtinneneinrichtungen und die darin stattfindenden Veranstaltungen sind sorgfältig geplante Inszenierungen einer als urban begriffenen Zerstreuungsatmosphäre, die sich an alle Sinne wendet: ,,Jede einzelne Passage will genau konzipiert sein, will undoktrinär an Hand der Gegebenheiten erdacht, erspürt, komponiert sein bis hin zur Lichtführung, zu den Gerüchen, zu den Farben, mit Fluidum ausgestattet, all das in Heimlichkeit hart kalkuliert, sensibel interpretiert.“ (Hackelsberger 1991, 85) In diesen sorgfältig gestalteten Ambientes sind die zur Verwöhnung der Sinne geeigneten Aspekte in isolierter, vorn Abenteuer und der Verunsicherung weitgehend abgelöster Form konzentriert und isoliert von allem, was stören könnte. Essen, Trinken, Musik und Muzak. Vielfalt des Warenangebots, abgestimmt in Stil. Preis und Angebot auf gewünschte Zielgruppen, gedrängte Menschenmassen, Spielmöglichkeiten. Sensationen und Überraschungen sind anwesend. Das Auge ist beschäftigt, das Ohr beruhigt, und in der Nase kitzelt der Duft von Backwaren. Abwesend sind der Zwang größeren Orientierungs- und Bewegungsleistungen. Schmutz, ärmliche Gestalten, Straßenmusiker oder als belastend angesehene Anblicke aller Art bleiben draußen, ein Zustand. der häufig seine Verteidiger in unauffälligem Reinigungskräften und ebenso unauffälligem Wachpersonal hat. Die Abwehr nach außen organisieren neben Personal auch bauliche Gegebenheiten: Insbesondere in den 70er und 80er Jahren waren blickabwehrende Spiegelverglasungen eine häufige Zutat beim Bau großstädtischer Hochhäuser und Passagen (vgl. Schwarz 1987).
Richarc Sennett hat die Entstehung von „Räumen, die die Bedrohung durch sozalen Kontakt ausschalten: Straßenfronten aus Spiegelglas, Autobahnen, die arme Stadtviertel vom Rest der Stadt abtrennen, Siedlungen, die nur als Schlafstädte taugen auf die Angst der Stadtbewohner vor Kontakt und Preisgabe, die „Verödung und Trivialisierung der Stadt als Schauplatz des Lebens“ auf die inszenatorischen Anstrengungen ihrer Planer und Investoren zurückgeführt: „Die von Menschen erfüllten Räume der modernen Stadt inszenieren der Konsum und sind ganz auf ihn beschränkt, oder sie sind dem touristischen Erleben vorbehalten und inszenieren dieses; (Seunett 1991. 12 f).
Diese Inszenierungen sind die letzten Entwicklungen paradigmatischer Orte der Großstadtwahrnehmung. Sie recyceln als Muster der Wahrnehmung, das etwa Simmel als das großstädtische beschrieb, indem sie die sinnlichen Qualitäten der paradigmatischen Orte der Stadtwahrnehmung in reduzierter, gereinigter und privatisierter Form den Sinnen der Konsumöffentlichkeit bieten, In diesem Spiel mit strapazierten Sinnen bleiben Verwirrung und Ambivalenz. Auflösung des ich und die Attacken der Erlebnisse in kauffördernder Form erhalten.
Literatur:
Arndt, E.M., (1982) Pariser Sommer 1799. Frankfurt! Olten 1 Wien
Benjamin, W., (1974) Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus. Frankfurt/M.
Daurth, W., (1977) Die Inszenierung der Alltagswelt. Zur Kritik der Stadtgestaltung. Braunschweig.
Goethe, J. W., (1962) Italienische Reise. In: ders., Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche. S. 7-613. Zürich, Stuttgart, 2. Auflage.
Hackelsberger, Ch., (1991) Architektur eines labilen Jahrhunderts. Kritische Beiträge aus zwei Jahrzehnten, München.
Hauser, S., (1990) Der Blick auf die Stadt. Semiotische Untersuchungen zur literarischen Wahrnehmung (Reihe Historische Anthropologie 12). Berlin.
Hellpach, W., (1952) Mensch und Volk der Großstadt. Stuttgart.
Humboldt, W. von, (1906) Wilhelm und Caroline von Humboldt in ihren Briefen, Bd. 1. Berlin.
Lichtenberg, Georg Christoph, (1985) Brief an Ernst Gottfried Baldinger v. 10. Januar 1775. Im Anhang zu: Brüggemann. H. (19851 ,,Aber schickt keinen Poeten nach London!“ Großstadt und literarische Wahrnehmung im 18. und 19. Jahrhundert. Reinbek bei Hamburg.
Milgram, S., (1970) Das Erleben der Großstadt. Eine psychologische Analyse. In: Zeitschrift für Psychologie 1/1970. 5. 142-152.
Niemeitz, J. Ch.. (17 18) Sejour des Paris oder getreue Anleitung welchergestalt Reisende von Condition sich zu verhalten haben, wenn sie ihre Zeit und Geld nützlich und wohl zu Paris anwenden wollen .,. Frankfurt/M.
Sennet, R.. (1991) Civitas. Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds. Frankfurt/M.
Schulz, F., (1985) Straßenszenen. Im Anhang zu: Brüggemann op. cit.
Schwarz, R. D., 11987) New Yorker Spiegelbilder, Mit einer Reportage von Manfred Sack. Dortmund.
Smuda, M., (Hrsg., 1992) Die Großstadt als Text. München.
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