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Lernen von Peirce. Virtualität und Erfahrung in Kulturwissenschaft, Mathematik und Naturwissenschaft
Call for Papers der gemeinsamen Sektion "Kulturwissenschaft+Mathematik: Lernen von Peirce" beim Semiotik-Kongress 2011

Lernen von Peirce. Virtualität und Erfahrung in Kulturwissenschaft, Mathematik und Naturwissenschaft

(Moderation: Prof. Dr. Elize Bisanz und Prof. Dr. Herbert Gerstberger)

 

Der Diskurs zur Überwindung der Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert kann zugleich als die Geburt einer modernen zeichenwissenschaftlich orientierten interdisziplinären Wissenschaft verstanden werden.


Charles S. Peirce (1839-1914), bekannt als Logiker, Philosoph, Mathematiker und Physiker, zählt zu den wichtigsten Denkern dieser Tradition. Ein Überblick über die inhaltlichen Schwerpunkte seiner Werke verdeutlicht die genuine Interdisziplinarität seines Denkens, denn er war in mehreren wissenschaftlichen Disziplinen zu Hause und hat stets eine disziplinübergreifende Ebene der Wissenschaft gesucht.


Die Kooperationssektion Kulturwissenschaft/Mathematik möchte der Frage nachgehen, welche Beiträge Peirces Werk liefern kann, wenn wir uns heute um die Begriffe Repräsentation, Virtualität, Praxis bemühen. Versucht wird, diese Begriffe unter den Peirce'schen Kategorien der Erfahrung in unterschiedlicher und doch vergleichbarer Weise auf die so heterogenen Bereiche der Kulturwissenschaft - betrachtet als ein Feld der Repräsentation - und der Mathematik und der Naturwissenschaft - als ein Feld der methodischen und empirischen Erfahrung- zu beziehen.


Die Möglichkeit, die gedankliche Kontrolle über die Bildung von Denkschemata auszuüben und damit die systematische Erweiterung der menschlichen Wahrnehmungshorizonte zu ermöglichen, ist die Antriebskraft des Peirce'schen Gesamtwerks. So bildet dieser Gedanke den Ausgangspunkt des Pragmatizismus, verstanden als eine Philosophie, in der das Denken primär als der gekonnte Einsatz von diagrammatischen Verfahren zur Untersuchung und Lösung von komplexen Problemen erklärt wurde. Neben dem abstrakten Denken gehört für Peirce die Kategorie der Erfahrung zu den Grundelementen der Erkenntnis und der Kommunikation.


Gedankliche Prozesse insbesondere der Mathematik und Logik durch Zeichenprozesse nicht nur zu repräsentieren sondern wesentlich zu generieren ist ein weiteres Schwerpunktthema bei Peirce. Solche Strukturen werden nicht losgelöst von anderweitiger Erfahrung geschaffen, vielmehr stehen sie häufig in einer Modellrelation zu empirisch gewonnenen Zusammenhängen. Dort ist der idealtypische Ausgangspunkt das Phänomen, das in der experimentellen Praxis nachgebildet, variiert und mit dem aktuellen Erkenntnisstand konfrontiert wird. Hypothesen- und Modellbildung führen schließlich zum idealtypischen Gegenpol des Phänomens: zu einer Theorie mit mathematischen Begriffs-  und Argumentationsstandards. Diese Dreiheit von Phänomen, Experiment und Theorie kann  mit den abstrakten Peirce'schen Kategorien der Erfahrung in Verbindung gebracht werden; die hier prinzipiell zirkulären Repräsentationszusammenhänge können damit analysiert werden. Von diesem Gesichtspunkt aus lässt sich die dem Common Sense plausible Dichotomie von Virtualität und Realität durchaus kritisch beleuchten.


Konkrete Anwendungs- und Untersuchungsbereiche, welche diesem Rahmen entsprechen, liegen sowohl in der disziplinären Forschung der Naturwissenschaften bzw. der Mathematik und deren Reflexion, aber auch in interdisziplinären Problemlösungen und Theorien.

In dieser Sektionsarbeit soll zwar die Peirce'sche Philosophie als Referenz und Mittelpunkt dienen, jedoch sind in Einzelbeiträgen andere Bezüge durchaus willkommen.

Einige allgemeine Fragen können für Kulturwissenschaft, Mathematik und Naturwissenschaft in gleicher Weise artikuliert werden, wie z.B.:


  • Welche Rolle spielt die Erfahrung im Zeichenprozess?
  • Welche Erfahrungsformen liegen in der sog. virtuellen Kommunikation vor?
  • Welche Begriffe von Modell und Modellbildungen sind sinnvoll?
  • Wie wird „Virtualität" verstanden?

Andere Fragen betreffen transversale Verbindungen der genannten Bereiche, wie z.B.

Wie sind Mathematik und Naturwissenschaft kulturell repräsentiert? Welche Synergien und welche wechselseitigen Inhibitionen werden durch die jeweiligen Praxisfelder erzeugt?

In welchen begrifflichen Bezugssystemen lassen sich Kulturwissenschaft, Mathematik und Naturwissenschaft im Zusammenhang betrachten?

Sowohl geistes- wie auch naturwissenschaftliche Beiträge sind herzlich willkommen.


Abstracts mit Titel und Mail-Adresse erbeten an: bisanz@uni-lueneburg.de

                                                           und    gerstberger@ph-weingarten.de




 

Learning from Peirce.

Virtuality and Experience in Cultural Studies, Mathematics and Science

 

Cooperation of the DGS-Sections Cultural Studies and Mathematics

Moderation: Prof Dr. Elize Bisanz and Prof. Dr. Herbert Gerstberger
 

In the beginning of the 20th century, a debate on bridging the gap between science and the humanities evolved. The origin of modern semiotically orientated interdisciplinary theory can also be understood in this context.


Charles S. Peirce (1839-1914) who is well known as a logician, a mathematician and a physicist, too, is also one of the most important philosophers in this tradition. Considering the main topics of his oeuvre, one can easily recognize the genuine interdisciplinarity of his way of thinking. Because he felt at home in several disciplines he always aimed at theoretical standards of a transdisciplinary character.


In a cooperation of the sections Cultural Studies and Mathematics we try to answer the question which contribution we may expect from Peirce's work, if we today investigate the concepts representation, virtuality, and practice. The Peircean categories might be related in specific as well as similar ways to the heterogeneous domains of Cultural Studies as a field of representation on the one hand, and to mathematics and science as methodical and empirical experience, on the other.


A main driving power in Peirce's work is the possibility of mental control on the construction of cognitive schemes that allows an extension of the horizon of human understanding. This idea is one of the starting points of Pragmaticism, understood as a kind of philosophy that explains thinking as based on a competent use of diagrammatic reasoning in order to solve complex problems. Therefore, together with abstract reasoning, Peirce raises the category of experience to the same fundamental range of knowledge and communication.


Not only the representation of mental processes but essentially their generation, too, is one of Peirce's concerns, especially in mathematics and logic. Those structures are not created in isolation from different domains of experience but, on the contrary, they often correspond to empirical structures in a modeling relationship. There, as one pole, the phenomenon can be seen as an ideal origin, which through experimentation can be rebuilt, varied, and confronted with the actual state of knowledge. The elaboration of hypotheses and models finally leads to the opposite pole: a theory that meets the standards of mathematical conception and reasoning. This triad of phenomenon, experiment, and theory can be associated with Peirce's abstract categories of experience. The relations of representation that are mostly circular in this triad should thus be accessible to analysis. From this point of view, the dichotomy of virtuality and reality that seems to be common-sensical can be critically examined.


Concrete domains of application and investigation that fit into this frame can be found both in disciplinary scientific and mathematical research and related reflexive reasoning, and also in interdisciplinary problem solving and theories.


Even if our workshop is centered by and related to the philosophy of Ch. S. Peirce, singular contributions from different points of view are welcome.


Some general questions can be articulated in similar ways for Cultural Studies, Mathematics and Science, as e.g. the following:


  • What is the role of experience in the sign process?
  • Which forms of experience are typical for so called virtual communication?
  • Which concepts of model and modeling seem to be reasonable here?
  • How is virtuality understood?

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